Voll auf die 12

Frieden statt Krieg – was braucht es für nachhaltigen Frieden?

Eine grosse Frage. Und die Bereitschaft, ihr gemeinsam nachzugehen.

Mai 2026

Es gibt Fragen, deren Tragweite jede einzelne Antwort übersteigt. Nicht, weil sie falsch gestellt wären, sondern weil sie komplexe Zusammenhänge berühren, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Die Frage nach nachhaltigem Frieden gehört dazu. Eine Frage, aktueller denn je.

Im Rahmen der 500-Jahr-Feier zur Badener Disputation stellte Rebecca Panian diese Frage mit ihrem Format «Voll auf die 12» ins Zentrum eines öffentlichen Denkraums. Zwölf Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und aus verschiedenen Kontinenten wurden eingeladen, gemeinsam dieser Frage nachzugehen.

Unter ihnen Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman, der mexikanische Schauspieler und Menschenrechtsbotschafter Gael García Bernal, Nora Kronig, Direktorin des Schweizerischen Roten Kreuzes, sowie Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft, Klimaaktivismus und Sozialunternehmertum. Ergänzt wurde die Runde durch drei zufällig ausgewählte Personen aus dem Publikum. Nach der ersten Hälfte des Runden Tischs (45 Minuten) wurde die Diskussion zudem für zehn Minuten für Beiträge aus dem Publikum geöffnet und um weitere Perspektiven erweitert.

 

Wenn unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen
Im Zentrum des Formats stand nicht die Präsentation fertiger Positionen, sondern ein gemeinsamer Denkprozess. Argumente wurden ausgetauscht, Annahmen hinterfragt und Perspektiven erweitert. Dabei entstand etwas, das im öffentlichen Diskurs selten geworden ist: die Bereitschaft, eine komplexe Frage auszuhalten, ohne sie vorschnell zu vereinfachen.

Im Verlauf der Diskussion verdichteten sich einzelne Gedanken zu einem gemeinsamen Suchprozess. Frieden wurde nicht als statischer Zustand verstanden, sondern als etwas Dynamisches, das kontinuierlich gestaltet werden muss. Mehrfach wurde betont, dass Frieden nicht die Abwesenheit von Konflikten bedeutet, sondern die Fähigkeit, mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Kooperation und Verantwortung wurden als zentrale Voraussetzungen genannt.

Gleichzeitig rückte insbesondere Gael García Bernal die Frage ins Zentrum, wie die Konzentration von Macht verhindert werden kann: Wie lässt sich verhindern, dass sich zu viel Einfluss und Entscheidungsmacht in den Händen weniger konzentriert? Dahinter stehen grundlegende Fragen, die weit über Politik hinausreichen. Welche Strukturen fördern Teilhabe? Wie schaffen wir Verantwortungsübernahme? Und welchen Beitrag kann jede und jeder Einzelne leisten?

Auffallend war, dass die Diskussion trotz unterschiedlicher Perspektiven immer wieder um dieselben Grundfragen kreiste. Nicht die Suche nach der einen Lösung stand im Vordergrund, sondern das gemeinsame Ringen um Bedingungen, unter denen friedliches Zusammenleben langfristig möglich wird.

 

Die Herausforderung liegt nicht im Wissen
Wer die Diskussion verfolgte, konnte eine bemerkenswerte Beobachtung machen: An Wissen mangelte es nicht. Die Beteiligten brachten politische Erfahrungen, gesellschaftliche Perspektiven, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Handlungserfahrungen ein. Dennoch blieb eine zentrale Frage bestehen: Wie gelingt der Übergang vom Wissen zum Handeln? Oder wie Nora Kronig im Verlauf der Diskussion treffend formulierte: «Erfolg bedeutet, wenn etwas erfolgt.»

Aus dem Publikum wurde sinngemäss angemerkt, dass die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse seit Langem bekannt seien. Die Herausforderung bestehe weniger darin, neues Wissen zu schaffen, sondern vielmehr darin, bestehende Erkenntnisse konsequent in gesellschaftliches Handeln zu überführen.

 

Die Schwierigkeit, neue Denkwege zuzulassen
Ebenso eindrücklich war die Dynamik des gemeinsamen Suchprozesses. Neue Gedanken wurden eingebracht, aufgegriffen, weiterentwickelt und erneut hinterfragt. Aus der Beobachterperspektive schienen einzelne Lösungsansätze zeitweise bereits greifbar. Am runden Tisch selbst wurden sie jedoch mehrfach neu diskutiert, präzisiert oder verworfen. Nicht aufgrund mangelnder Kompetenz oder fehlenden Engagements, sondern weil komplexe Fragestellungen selten lineare Antworten zulassen. Und weil persönliche Überzeugungen manchmal mehr Raum einnahmen, als für den gemeinsamen Suchprozess hilfreich war. Gerade diese Dynamik machte sichtbar, wie anspruchsvoll kollektive Veränderungsprozesse sind. Neue Ideen benötigen Raum, die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, und den Mut, bekannte Denkmuster zumindest vorübergehend zu verlassen.

 

Verantwortung als gemeinsamer Nenner
Ein weiterer Schwerpunkt des Runden Tischs war die Frage nach Verantwortung. Wer trägt Verantwortung für Frieden? Staaten? Internationale Organisationen? Wirtschaftliche Akteure? Die Zivilgesellschaft? Oder letztlich jede und jeder Einzelne? Besonders deutlich wurde die Forderung, Verantwortung nicht primär an Institutionen oder Regierungen zu delegieren. Nachhaltiger Frieden beginnt dort, wo Menschen Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen – im persönlichen Umfeld, in Gemeinschaften, in Organisationen und im gesellschaftlichen Miteinander. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von der Erwartung an andere hin zur eigenen Gestaltungsmöglichkeit.

 

Die Qualität guter Fragen
Mit fortschreitender Diskussion kristallisierten sich einige Grundsatzfragen heraus:

  • Wie fördern wir Kooperation und Kollaboration?
  • Wie gestalten wir Systeme, die Verantwortung ermöglichen?
  • Wie verhindern wir die Konzentration von Macht?
  • Und vor allem: Wie können wir selbst beginnen?

Diese Fragen reichen weit über Krieg und Frieden hinaus. Sie berühren grundlegende Prinzipien menschlichen Zusammenlebens.

 

Warum es «Voll auf die 12» braucht
Gerade in einer Zeit zunehmender Polarisierung gewinnen Räume an Bedeutung, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen dürfen, ohne unmittelbar in Zustimmung oder Ablehnung zu münden. Nicht mit dem Anspruch, komplexe Fragen abschliessend zu beantworten, sondern mit der Bereitschaft, Verantwortung für deren Bearbeitung zu übernehmen.

Nachhaltige Entwicklung entsteht dort, wo Menschen Verantwortung teilen, unterschiedliche Perspektiven einbeziehen und Strukturen schaffen, die langfristig tragfähig und menschenwürdig sind – unabhängig davon, ob auf globaler, nationaler, lokaler oder organisationaler Ebene.

 

Der Beginn eines Weges
«Voll auf die 12» hat die Frage nach nachhaltigem Frieden nicht beantwortet. Das war auch nicht zu erwarten. Bemerkenswert ist vielmehr, dass sich die Teilnehmenden verpflichtet haben, den begonnenen Prozess fortzuführen und die erarbeiteten Ansätze weiterzuentwickeln. Damit wurde etwas geschaffen, das für nachhaltige Veränderung unverzichtbar ist: Kontinuität. Frieden entsteht nicht durch eine einzelne Diskussion. Er entwickelt sich durch Dialog, gemeinsame Verantwortung und die Bereitschaft, auch komplexen Fragen langfristig nachzugehen.

 

Persönlich bleibt vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit, Teil eines solchen Dialograums gewesen zu sein – in einem Land, das bereits vor 500 Jahren eine Kultur des Disputs pflegte.

Und es bleibt eine Erkenntnis:
Frieden, Demokratie und Dialogfähigkeit sind keine Selbstverständlichkeiten. Was vor 500 Jahren errungen wurde, ist nicht automatisch auch in 10, 20, 50 Jahren noch vorhanden. Genau deshalb ist die Frage nach nachhaltigem Frieden keine Frage nur für andere.
Sie ist eine Frage an uns. Hier. Heute. Jeden Tag.

 

Quelle: Voll auf die 12 | Event zur Lösungsfindung
Text: Bettina Freihofer Estrada
Foto: Eigenes Foto | Disput(n)ation Baden | Voll auf die 12 | Durchführung 30.05.26 | Aula Schulhaus Burghalde, Baden

 

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