Erfahrung braucht Zeit

Einblicke vom Lernen mit Hugo Loetscher

„Ein Junge in Brasilien erzählt mir, er habe mit vierzehn das erste Mal ein Paar Schuhe bekommen. Die ganze Familie ging zum Einkaufen mit. Dann, einige Tage später, regnete es, und der Junge trat in eine Wasserlache. Der Vater ohrfeigte ihn und wies ihn zurecht, dass er die Schuhe bei Regen ausziehen solle, ansonsten gingen sie kaputt.“ Hugo Loetscher

2004 hatte ich das Privileg, den Schriftsteller und Journalisten Hugo Loetscher in seiner Zürcher Wohnung interviewen zu dürfen. Ziel war es, Einblick in sein Schaffen zu erhalten und von einem der Grossen zu lernen. Seine Werke faszinierten mich schon vor meinem Studium: seine Sprache, die Vielseitigkeit, seine Haltung.

Im Gespräch erzählte mir Loetscher: „Journalismus heisst für mich primär informieren.“ Sein Anspruch war es, möglichst objektiv zu berichten, auch wenn absolute Objektivität in einem journalistischen Text wohl nie möglich ist. Über zwanzig Jahre später bleibt mir besonders seine Ruhe im Beschreiben und seine stilistische Präzision in Erinnerung. Mein Fazit: Erfahrung braucht Zeit und Austausch – illustriert am Beispiel seiner Reportage "Eine Adresse in der Favela".

 

Erfahrungsschatz: Wie Reportagen entstehen

Für seine Reportage in der Favela Rocinha in Rio de Janero besuchte Loetscher das Viertel dreimal: Zuerst ohne Vorbereitung, um Eindrücke wirken zu lassen. Beim zweiten Mal mit Konzept und Fragen, gezielt zur Informationssammlung. Danach folgte theoretische Recherche – Literatur, Archive, Gespräche mit Experten. Der dritte Besuch diente der Verifizierung: Stimmten seine Eindrücke, fehlt etwas? Erst dann schloss er seinen Text ab.

Loetscher sagte treffend: „Eine Reportage ist nicht nur unmittelbare Erfahrung, sondern es gehört auch Lektüre dazu.“

 

Lernen als Prozess – Schritt für Schritt

Von anderen lernen heisst, ihr „Wie“ zu verstehen: Was treibt sie an, wie reflektieren sie ihr Tun? Begegnungen wie jene mit Loetscher geben einem Orientierung und Mut, den eigenen Weg zu gehen. Am Ende zählt das eigene Tun, aber auch das Scheitern und Wiederaufstehen.

Die schnelle All-in-one-Lösung gibt es selten, besonders nicht in der Zusammenarbeit. Erfahrung entsteht nicht beim Zuschauen, sondern durch eigenes Handeln. Ich las einmal:

Um prinzipiell etwas zu lernen, braucht es etwa 5’000 Stunden;

um etwas gut zu können, 10’000;

für Exzellenz rund 30’000 Stunden – das entspricht etwa 14.5 Jahren (bei 5 Tagen à 8 Stunden pro Woche). Die genauen Zahlen sind weniger wichtig als die Erkenntnis: Lernen ist ein langer Prozess.

Erfahrung lässt sich nicht beschleunigen. Sie wird in der Zeit gemacht, die sie braucht und sie ist gleichzeitig die Basis für gemeinsames Schaffen. Als Gestalterin von Prozessen und Projekten wie auch als Dozentin erlebe ich immer wieder: Erfahrung ist die Grundlage dafür, dass wir gemeinsam etwas schaffen können. Und dafür braucht es Zeit. Den Mut, dranzubleiben. Die Offenheit, voneinander zu lernen. Und die nötige Gelassenheit, wenn ein Sturm nicht sofort vorüberzieht. 

 

Februar 2026
Text: Bettina Freihofer Estrada

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